Geschichte

Die Geschichte der Studentenverbindungen

 

Nachdem es bereits unter Karl dem Großen Klosterschulen mit theologischem Schwerpunkt gegeben hatte, kam es ab dem 12. Jahrhundert zur Gründung der  Universitäten: Die ersten waren Bologna, Salerno (12. Jahrhundert), Padua (1222) und Paris (1253). Die erste deutsche Universität entstand 1348 in Prag. Die Studenten, die aus ganz Europa kamen, wurden von der Universität ihrer Herkunft nach in nationes (Landsmannschaften) eingeteilt. die innerhalb gewisse Riten und Brauchtümer, vor allem aber eine strenge Hierarchie pflegten, die sich auf die Semesterzahl der Mitglieder begründete. Zu ihrer Unterbringung wurden an der Pariser Sorbonne (kirchliche Institution!) unentgeltliche Unterkünfte angeboten. In Deutschland gab es vergleichbare Wohnheime unter privater Leitung, die so genannten Bursen. Von diesem Wort leiten sich die heutigen Begriffe Börse (Bursa war die Gemeinschaftskasse der Bursenbewohner) und Bursch (Student, vom damaligen “Bursengesell” oder “Bursenknecht”) ab. Da das Leben der damaligen Studenten ziemlich gefährlich war, wurde ihnen das Tragen von Waffen gestattet, was bisher nur dem Adel und dem Militär vorbehalten war. Sie übten gemeinsam das Fechten als Mittel, der Selbstverteidigung, bald war es die Studentensportart schlechthin, und wurde bis in die heutige Zeit verfeinert und kultiviert.

Im 15. Jahrhundert ging die Aufsicht über die Universitäten immer mehr in die Gewalt der jeweiligen Landes- herren über, die den Schwerpunkt der Ausbildung auf Medizin, Jura und Theologie verlagerten. Die Bursen wurden aufgelöst, fortan schlossen sich die Studenten in unverbindlichen Gemeinschaften, den so genannten Zirkeln zusammen.

Um 1660 kamen die Landsmannschaften auf, Studentenverbindungen, die an einige Traditionen der Bursen und Traditionen anknüpften: Sie waren Zusammenschlüsse von Studenten bestimmter Regionen, ihre Vollmitglieder hießen Burschen. Die im Mittelalter übliche Deposition (Misshandlung und Demütigung von Neumitgliedern) wurde als symbolischer Ritus weiter gepflegt. Im 18. Jahrhundert wurden erstmals Regelwerke (Comments) entwickelt, die die interne Struktur, die Geselligkeit aber auch Ehrenhändel mit der Waffe (Satisfaktion) regeln sollten. Die Mitgliedschaft bei einer Landsmannschaft endete mit dem Ende des Studiums. Parallel entwickelten sich die studentischen Orden, die sich nach dem Vorbild der Freimaurerlogen entwickelten, und von ihnen das Lebensbundprinzip und das Führen eines Zirkels (Geheimzeichens) übernahmen. Landsmannschaften wie Orden waren politisch engagiert - vor allem als Befürworter der Französischen Revolution - weswegen sie von der Obrigkeit verfolgt wurden und sich weitgehend aufgelöst haben. Eine weitere Form studentischer Gemeinschaft, die so genannten Kränzchen, sind auf Grund ihrer politisch neutralen Haltung verschont geblieben. Sie übernahmen die äußeren Merkmale der Orden und Landsmannschaften. woraus sich die ersten Corps entwickelten.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden erneut mehrere Universitäten gegründet (Berlin 1810, Breslau 1811, Bonn 1818), gleichzeitig wurde das Hochschulwesen grundlegend reformiert: Bildungstheoretiker wie Fichte oder Humboldt setzten die Einsicht durch, dass Wissen etwas nicht Gefundenes, ja nicht Auffindbares sei, wohingegen man bisher Wissen als das Memorieren und Wiedergeben feststehender Kenntnisse ansah. Diese Philosophie zog auch einen Wandel des Selbstverständnisses der Studenten nach sich, die sich nun vermehrt am Freiheitskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft beteiligten. Das Lützowsche Freicorps, das als Freiwilligenarmee maßgeblich den Widerstand und um die nationale Einheit mittrug, rekrutierte sich fast ausschließlich aus Studenten.

Am 10. Juni 1815 verabschiedete der Wiener Kongress die Schlussakte, woraufhin sich in Jena die erste Burschenschaft (“Urburschenschaft”, heute B! Arminia auf dem Burgkeller) gründete. Ihr Wahlspruch war “Ehre, Freiheit, Vaterland!” , sie forderten ein demokratisch regiertes Deutschland, das nicht an den Grenzen eines Fürstentums endete, sondern so weit reichte “... so weit die deutsche Zunge klingt.” Zur Demonstration ihrer Forderungen veranstalteten am 11. August 1817 ca. 400 Burschenschafter das Wartburgfest, auf dem sie durch Reden und Bücherverbrennungen ihre Ablehnung der alten Ordnung zum Ausdruck brachten. Als zwei Jahre später der Dichter August von Kotzebue, der in seinen Schriften die alte Ordnung verteidigt hatte, von dem Theologiestudenten Karl Ludwig Sand ermordet wird, kommt es zu den “Karlsbader Beschlüssen” durch Metternich, worin die Burschenschaften aufgefordert wurden, ihr politisches Engagement einzustellen, da sie sonst verboten würden.

Um 1830 wurde die Widerstandsbewegung wieder aufgenommen, nachdem die “Demagogenverfolgung” langsam nachgelassen hatte. Im Mai 1832 feierten die Studenten das Hambacher Fest, einer weiteren Protestkundgebung im Sinne des Wartburgfestes, wobei erstmals die “Deutschen Farben” schwarz-rot-gold öffentlich getragen wurden. Es waren die Farben der Uniformen des Lützowschen Freicorps: Schwarze Waffenröcke mit roten Nähten und goldenen Knöpfen. In Wien versuchten Studenten der Regierung eine Petition zu überreichen, in der sie Rede- und Pressefreiheit, Lehr-, und Lernfreiheit, Gleichberechtigung aller Konfessionen sowie eine allgemeine Volksvertretung forderten. Die sich spontan bildende Menschenmenge beunruhigten die Wachen und es kam zum Schießbefehl. In Berlin wurde eine ähnliche Aktion unternommen, sie verlief zwar auch erfolglos, aber unblutig. Die Unterdrückung der Burschenschaften hielt weiter an. Etwa in der gleichen Zeit kommt es zur Gründung der ersten christlichen  Verbindungen, die auf Grund ihrer unpolitischen Position von der Verfolgung verschont geblieben sind.

Als 1848 der französische König abdanken musste und die Republik ausgerufen wurde, kam es in Deutschland zur Märzrevolution, in der die Studenten als Vordenker und Planer wirkten und in Wien gemeinsam mit den Arbeitern Staatskanzler Metternich vertrieben. Fortan hatten die Studentenverbindungen ihre revolutionäre Bedeutung verloren und wandelten sich zu akademischen Lebensgemeinschaften mit staatstreuer, teils sogar staatstragender Funktion. Auch entwickelte sich ab jetzt die Vielzahl und Vielfalt der Verbindungen und ihrer Dachverbände.

Am 1. Weltkrieg 1914 - 18 nahmen etwa ein Drittel der deutschen Studenten teil, die Universitäten stellten den Lehrbetrieb aber nicht ein. Als der Krieg vorbei war, kam es durch die Heimkehrer zu einer Überzahl an Studenten, was auch wegen der zeitgleich stattfindenden Wirtschaftskrise zu Problemen wie Wohnungsnot, Nahrungs- mittelknappheit, Arbeitslosigkeit und Studienverlängerung. Das Deutsche Studentenwerk wurde gegründet, das Mensen und Wohnheime einrichtete. Die Studentenverbindungen nahmen an Beliebtheit zu, da sie auf ihren Häusern Wohnräume anboten und die Alten Herren bei der Jobsuche behilflich waren. Allgemein ist eine Zunahme der Verbindungen und Dachverbände zu verzeichnen. 1919 wurde der Allgemeine Deutsche Waffenring (ADW) gegründet, in dem verbandsübergreifend eine gemeinsame Ehrenordnung für schlagende Verbindungen verabschiedet wurde. 1921 wurde im Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen (EVA) auch mit den nicht schlagenden Verbindungen Ehrenfragen geklärt.

1926 wurde als Hochschulabteilung der NSDAP der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) gegründet, der 1932 die Mehrheit in der Deutschen Studentenschaft erreichte und mit deren Hilfe am 10. Mai 1933 eine Bücherverbrennung durchführte. Um den nach wie vor anhaltenden Studentenüberschuss abzubauen, setzt der NSDStB ein Studienverbot für Juden, Kommunisten, Sozialisten und Frauen durch. Ab 1935 durfte man nur noch mit abgeleistetem Wehrdienst und HJ-Mitgliedschaft studieren. Prompt folgte ein Akademikermangel, woraufhin Frauen wieder zum Studium zugelassen wurden und Soldaten dazu beurlaubt wurden. Ziemlich bald musste aber auf Grund der Bombenangriffe der Lehrbetrieb an jeder Universität Deutschlands eingestellt werden. Die meisten Verbindungen lehnten das vorgeschriebene Führerprinzip und die Arisierung ab, weswegen sie verboten und verfolgt wurden. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt und ihre Häuser durch die SA besetzt. 1935 wagten es Mitglieder des Heidelberger Corps Saxo-Borussia, sich negativ über Hitler zu äußern (“Spargelesser-Affäre”), woraufhin alle Studentenverbindungen verfolgt und aufgelöst wurden. Einige versuchten als parteinahe “Kameradschaften” getarnt, offiziell weiter zu existieren, die meisten Korporationen verschwanden aber im Untergrund.

1945 wurde bald nach Kriegsende der Lehrbetrieb der Universitäten wieder aufgenommen und erfreuten sich eines starken Andranges. 1955 wurden daher vom Staat Stipendien und Darlehen zur Verfügung gestellt (Vorgänger des heutigen BAföG). 1946 wurden die AStAs wieder zugelassen, die sich 1949 zum Verband Deutscher Studenten- schaften (VDS) zusammenschlossen. 1950 bereits waren trotz des Verbots der Militärregierung die meisten Studentenverbindungen wieder neu errichtet. 1951 schlossen sich in Göttingen 16 Dachverbände zum Convent Deutscher Akademikerverbände (CDK) zusammen. Von der Studentenrevolte 1968 waren auch die Verbindungen betroffen, da sie die konventionelle bürgerliche Lebensart vertraten und als Relikt vergangener Zeiten galten. Vor allem ihre Geschichte wurde diskutiert. Seitdem haben Studentenverbindungen mit zahlreichen Anfeindungen und Vorurteilen zu kämpfen; ein starker Rückgang des Anteils korporierter Studenten an den deutschen Universitäten und dementsprechende Nachwuchsprobleme sind die Folge.