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Gibt es Vorurteile?
Woran denkst du, wenn du das Wort „Studentenverbindung“ hörst? Die Massenmedien, aber auch manche selbst ernannte Experten zeichnen ein sehr groteskes Bild, die Realität schaut aber anders aus. Im Folgenden will ich versuchen, auf die gängigsten Gerüchte einzugehen; grundsätzlich ist aber zu beachten, dass es die Studenten- verbindung schlechthin nicht gibt, sondern eine enorme Vielzahl und Vielfalt.
„Studentenverbindungen und Burschenschaften sind das gleiche. Politisch sind sie am rechten Rand anzusiedeln, weswegen sie nur Deutsche, die den Wehrdienst geleistet haben, aufnehmen.“
Falsch: Studentenverbindungen (oder Korporationen) ist der Überbegriff, Burschenschaften sind wie Landsmann- schaften, Corps, Katholische Verbindungen usw. lediglich eine der vielen verschiedenen Arten von Verbindungen. Die Verwechslung kommt wahrscheinlich daher, dass in allen Korporationen das vollberechtigte Mitglied als „Bursch“ b ezeichnet wird.
Apropos Burschenschaften: Sie sind der einzige Verbindungstyp, bei dem das politische Element zum Programm gehört. Und bei manchen wenigen Vertretern (Einzelpersonen oder Verbindungen) pervertiert das leider zum Nationalismus, was von den Medien bevorzugt aufgegriffen und als Regelfall dargestellt wird. Diese Vorfälle sind aber weder für die meisten Burschenschaften, noch für die gesamte deutsche Korporationsszene repräsentativ. Von über 1 000 Verbindungen in ganz Deutschland bilden unter 30 den rechten Rand, d. h. der weitaus überwiegende Teil, in einer Größenordnung von etwa 97 % ist politisch ohnehin unabhängig, gemäßigt und liberal, fernab von jeglichem Extremismus (egal ob von rechts oder von links)! Man darf nicht vergessen, dass alle Studentenverbindungen im Dritten Reich verboten worden sind! Die Frage, ob Wehrdienst abgeleistet wurde oder nicht spielt also bei den meisten Korporationen genauso wenig eine Rolle wie die Staatsangehörigkeit, die Religion, das Studienfach oder das Parteibuch – die Freundschaft zählt!
”Korporationen nehmen keine Frauen auf, sie sind deswegen frauenfeindlich.“
Wie in jedem anderen Verein auch gibt es bei uns Traditionen, die wir für erhaltenswert betrachten. Eine davon ist, dass Studentenverbindungen zumeist Männerbünde sind. Der Grund liegt darin, dass sie aus einer Zeit stammen, in der Frauen noch nicht studieren durften. Dementsprechend entwickelte sich eine Kultur, die für Frauen wenig ansprechend ist. Ferner hat sich die Tradition des Männerbundes bei den meisten Korporationen bewährt, bei manchen anderen, die in dieser Hinsicht neue Wege zu gehen versuchten, gab es sogar ernsthafte Probleme. Und Männer wollen (wie Frauen ja auch) manchmal gerne unter sich sein. Dass Studentenverbindungen deswegen frauenfeindlich sind, ist Unsinn. Oder sind Kleintierzüchtervereine briefmarkensammlerfeindlich? Außerdem ist es bei uns Sueven seit jeher üblich, dass auch Frauen dazu eingeladen sind, am Verbindungsleben teilzunehmen und eine spezielle Art der Mitgliedschaft erwerben können.
„Studentenverbindungen sind Geheimbünde.“
Wäre dem so, hätte ich mir den Aufwand, diese Homepage zu programmieren, sparen können. Dasselbe gilt für unsere Aushänge an der Uni und am Staatsinstitut, unsere öffentlich bereit liegenden Semesterprogrammzettel, unsere persönliche Präsenz in der Öffentlichkeit etc. Ein Geheimbund ist per Definition eine Gruppe, die ihre eigene Existenz zu verbergen versucht. Sie hätte bald ernsthafte Nachwuchsprobleme. Bei uns sind Gäste jederzeit willkommen, sie bekommen Essen und Getränke kostenlos. Wir haben wirklich nichts zu verbergen, und über Nachwuchs würde sich bei uns sicher auch keiner beschweren.
„Studentenverbindungen bilden Karriereseilschaften, Korporierte bevorzugen sich untereinander.“
Das war vielleicht einmal so, ist aber heute nicht mehr der Fall. Natürlich werden in Verbindungen Connections geschlossen, aber ein Personalchef wird bestimmt keinen mangelhaft Qualifizierten einstellen oder weiter empfehlen, nur weil dieser zufällig auch korporiert ist. Schließlich muss er dessen sich später herausstellenden Mängel verantworten. Der Mechanismus ist ein anderer: In einer Verbindung bekommt man das Rüstzeug mit auf den Weg, das man zum Erfolg braucht. Heutzutage sind über das Fachliche hinaus soft skills gefragt, die man während seiner Aktivität in einer Verbindung ganz nebenbei erwirbt. Dies passiert vor allem dann, wenn man ein Chargenamt übernimmt:
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Als Senior lernt man durch die Leitung von Veranstaltungen und die Repräsentation nach außen freie Rede, Durchsetzungsvermögen, Eigeninitiative, Souveränität, korrektes Auftreten und Führungseigenschaften.
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Beim Consenior kommt es vor allem auf Zuverlässigkeit, Flexibilität und Organisationsvermögen an, er ist der Stellvertreter des Seniors und für die Vorbereitung verschiedener Verbindungsveranstaltungen zuständig.
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Beim Fuxmajor (Ausbilder und Tutor für den Nachwuchs) stehen die sozialen Kompetenzen im Vordergrund, er muss auf Menschen zugehen und für sie Ansprechpartner und Berater sein. Fachkompetenz und Über- zeugungskraft, aber auch Geduld, Menschlichkeit, Humor und pädagogische Fähigkeiten sind die wichtigsten Anforderungen, die dieses Amt stellt.
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Dem Subsenior (oder Scriptor = Schriftführer) untersteht der Schriftverkehr und die Öffentlichkeitsarbeit der Verbindung. Er verwaltet die Adressenkartei, hält Kontakt zu den Verbindungsmitgliedern, Gästen und anderen Verbindungen und gestaltet Programmzettel, Einladungen, Werbeplakate … oder eben eine Homepage.
Dass sich Korporierte im Berufsleben manchmal ein bisschen leichter tun als andere liegt also nicht an denen, die sie einstellen, sondern an ihnen selbst. Und es gibt viele (auch nicht korporierte) Personalchefs und Vorgesetzte, die auf Grund ihrer Erfahrungen von Couleurstudenten beste Stücke halten, da Verbindungen gemeinhin auch dafür bekannt sind, dass sie die Bildung, den Charakter, das Allgemeinwissen und die eben genannten Schlüsselqualifikationen bei ihren Mitgliedern fördern (und auch fordern!).
Und wenn gegenseitige Unterstützung, Freundschaftsdienste oder kleine Aufmerksamkeiten grundsätzlich verwerflich sind, dann wird auch aus einem Sportverein, einem Männerchor oder einem Lehrerkollegium ein munkelnder, Seilschaften bildender, verbrecherischer Haufen!
„Studentenverbindungen sind Saufclubs, es herrscht Trinkzwang.“
Es stimmt, dass das Bier im couleurstudentischen Brauchtum (dem Comment) eine gewisse Rolle spielt, nicht umsonst heißt er auch „Biercomment“ und manche offizielle Rituale wie etwa Neuaufnahmen mit Überbegriff „Bierhandlungen“. Wie viel Bier jemand zu sich nimmt, bleibt aber jedem selbst überlassen. Wenn jemand kein Bier trinken darf (oder will) ist das kein Problem, denn schließlich gilt auch bei uns: Don´t drink and drive! Wer aber zu viel trinkt und durch sein Verhalten ein schlechtes Bild für die Verbindung abgibt, bekommt Ärger!
Eine Kneipe (= feierliches, regelmäßiges Treffen einer Verbindung) ist einem sehr formalen Regelwerk unterworfen (dem Comment), was Exzesse weitgehend verhindern soll. Außerdem ist an alkoholischen Getränken nur Bier commentfähig (= als Getränk erlaubt), Wein oder schärfere Sachen sind tabu!
Es mag vielleicht sein, dass (manche) Couleurstudenten gerne mal einen heben. Der Autor der vorliegenden Zeilen war jahrelang Bierstubenwirt und Getränkemarktchef in einem Studentenwohnheim und kann deswegen bezeugen, dass das bei nicht korporierten Studenten nicht anders ist!
„Studentenverbindungen sind wie Sekten.“
Es stellt sich eingangs die Frage, wie man „Sekte“ definiert. Zumindest beanspruchen wir nicht, eine Religion zu sein, eifern keiner Ideologie oder einer Lehre nach. Vor allem aber wollen wir unsere Mitglieder nicht in ein Schema pressen oder ihnen ihre Meinung, ihre Weltanschauung oder ihren Lebensstil vorschreiben. Bei uns wird jeder in seiner Individualität und seiner Eigenart respektiert. Mit der einen Ausnahme: Wer radikale, fremdenfeindliche oder sonstwie gegen gängige Sitten und Gesetze verstoßende Tendenzen mitbringt, hat keine Aussicht auf Aufnahme!
„Studentenverbindungen sind hierarchisch und antidemokratisch gegliedert. Neumitglieder werden gedemütigt und schikaniert.“
Das Gegenteil ist der Fall: Alle Studentenverbindungen sind konsequent basisdemokratisch organisiert. Das war schon immer ihre Grundidee, weswegen sie auch von verschiedenen autoritären Staatsformen (besonders im Preußischen Kaiserreich und im Naziregime) verfolgt und verboten worden sind. In vielen anderen Formen von Gemeinschaft kommt es manchmal vor, dass Einzelne oder ein kleiner Kreis in einer gehobenen Stelle sitzen und sie zur Ausübung von Macht und Willkür missbrauchen. Und genau da haben Studentenverbindungen den entscheidenden Vorteil: Jeder Beschluss wird gemeinsam in einer Diskussion („Convent“), zu der jedes Mitglied eingeladen ist, thematisiert und durch freie Abstimmung entschieden.
Was die Behandlung von Neumitgliedern (Füxen) betrifft, so stimmt zumindest, dass sie noch nicht vollberechtigt sind: Sie haben auf manchen Conventen (=Mitgliederversammlungen) kein Stimmrecht und dürfen bei den meisten Verbindungen keine Chargenämter übernehmen. Im Verlauf einer Kneipe fallen ihnen Spezialaufgaben zu, die auf den ersten Blick wie Schikane aussehen, aber von den wenigsten Betroffenen als solche empfunden werden und einen ganz anderen Sinn haben. Beispiele: Das Ansagen der Seitenzahlen im Liederbuch fördert die Fähigkeit, vor Anderen sicher zu sprechen, das Servieren der Getränke an die Bundesbrüder hilft ihnen, sich ihre Namen schneller zu merken. Wie bei anderen Gemeinschaftsformen auch ist der Nachwuchs enorm wichtig, sehr beliebt und genießt eine gewisse Narrenfreiheit. Speziell bei Verbindungen gibt es einen Fuxmajor, also ein (sogar sehr wichtiger und einflussreicher) Amtsträger innerhalb der Verbindung, dessen Aufgabe es ist, den Füxen als Ausbilder, Ansprechpartner und Tutor zu dienen. Dass Füxe gedemütigt oder gar misshandelt werden, war in den Korporationen des Mittelalters üblich, dies wurde aber im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zu rein symbolischen Handlungen abgeschwächt. Für die heutige Zeit wäre diese Bezeichnung stark übertreiben, lediglich bei den Corps ist ein gewisses „Schleifen“ der Füxe noch sehr weit verbreitet. Dies ist sicher mit dem sehr stark ausgeprägten Elitebewusstsein und Gemeinschaftsdenken (daher „Corpsgeist“) sowie mit dem pflichtschlagenden Prinzip dieses Verbindungstyps zu erklären.
„Studentenverbindungen pflegen altmodische Bräuche, ihre Mitglieder sind auch eher konservativ orientiert.“
Nicht alles, was alt ist, ist deswegen altmodisch. Wir nehmen nicht für uns in Anspruch, einer Mode zu entsprechen, vielmehr verstehen sich Studentenverbindungen seit jeher als eine lebensnahe und zeitgemäße (oder zeitlose) Gemeinschaftsform. Außerdem pflegen wir unsere Tradition nicht um ihrer selbst willen, sondern weil man dabei fast nebenbei viele Fähigkeiten wie Gemeinschaftssinn, freie Rede und Umgangsformen trainiert – und es einfach Spaß macht! Dass Verbindungsaktivität eher konservativere Naturen anspricht, ist vielleicht nicht ganz falsch, aber doch etwas oberflächlich betrachtet.
In Verbindungen ist das gesamte politische Spektrum vertreten, allerdings überwiegen die konservativen Parteien. Das liegt vielleicht auch daran, dass unter linken Gruppen die Vorbehalte gegenüber Korporierten am stärksten sind.
„Studentenverbindungen sind elitäre Zirkel, ihre Mitglieder sind arrogant.“
Wie definiert sich elitär? Vielleicht sind wir es in irgendeiner Form, wir verstehen unter Elite aber nicht Abschottung, sondern Förderung. Wir fragen nicht, woher einer kommt, sondern wohin er will. Chancengleichheit ist in der heutigen Gesellschaft Konsens, Chancengleichheit bedeutet, dass jeder nach seinen Gabe, Wünschen, seinem Potential und seiner Leistungsbereitschaft seinen Platz in der Gesellschaft findet – unabhängig von Herkunft oder Vermögen. Dass Korporierte grundsätzlich arrogant sind, ist eine sehr einseitige Aussage, die m. E. vielmehr Rückschlüsse auf den zulässt, der sie äußert.
„Studentenverbindungen verlangen das völlig überholte Prinzip der Ehre.“
Die Ehre ist keineswegs überholt, lediglich die Bedeutung des Wortes hat sich gewandelt. Grundsätzlich unterscheiden wir die Ehre …
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… der eigenen Verbindung: Jeder Korporierte hat in der Couleur seiner Verbindung durch seine Erscheinung, sein Verhalten, sein Handeln und seine Äußerungen den Ruf seiner Verbindung zu verteidigen. Also bedeutet Ehre in diesem Zusammenhang korrektes und gepflegtes Auftreten in der Öffentlichkeit.
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… des Mitmenschen: Jeder Mitmensch, egal ob jung oder alt, Deutscher oder Ausländer, Freund oder Feind hat seine Ehre, die es zu beachten gilt (siehe Grundgesetz, Art. 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“). Hier bedeutet Ehre also Respekt, Toleranz, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Treue, soziales, kulturelles und politisches Interesse und Engagement … und die gesellschaftliche Verantwortung, die besonders den akademischen Mitbürgern auferlegt ist.
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… seiner selbst: Hierbei kommt das studentische und akademische Standesbewusstsein zum Tragen; es ist untrennbar mit den beiden vorgenannten Aspekten verbunden, bedeutet aber auch die berufliche, öffentliche und private Vorbildfunktion eines Akademikers, und natürlich ein bisschen Stolz.
Das Gegenteil bezeichnet man als „Couleurschande“, es umfasst im Besonderen Prahlerei, Beleidigungen, unangemessenes Trinken, Aggressivität, ordinäres oder albernes Benehmen, Handgreiflichkeit, Nichteinhalten von Versprechungen, Lüge, Missachtung der eigenen oder anderer Farben etc. sowie jegliches korporationsschädigende oder gesetzes- und sittenwidrige Verhalten.
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